Recherche zu Corona-Skeptiker*innen im Oberbergischen

10. Mai 2021

Abgrenzung nach rechts oder Radikalisierung? Welche Entwicklung nehmen die Coronaskeptiker-Gruppen im Oberbergischen? Ein Artikel der Antifa-Recherche Oberberg (AROB):

Es gibt im Oberbergischen verschiedene Gruppen, die sich unter dem gemeinsamen Mantel die Coronamaßnahmen zu kritisieren, gefunden haben. Diese Gruppen organisieren sich vor allem über den Messenger Dienst Telegram. Die Gruppen mit Namen wie: “Oberberg bewegt!“, „Eltern stehen auf Oberberg“ oder „Widerstand Oberberg“ haben zwischen 50 und 200 Mitgliedern. Insgesamt können bei Telegram mindestens 20 solcher Coronaleugner-Gruppen mit Oberberger Bezug gefunden werden. Obwohl einzelne Personen in mehreren Gruppen Mitglieder sind, kann man von mehreren 100 Menschen, die sich im Oberbergischen in diesen Gruppen angemeldet haben, ausgehen.

Sind die Gruppen alle rechts?

Bei allen Gruppen gibt es Aufrufe zu verschiedenen Aktionen gegen die Coronamaßnahmen (Protestaktionen, Demonstrationen, Mahnwachen). Alle Gruppen teilen Infos anderer Telegram-Kanäle mit rechtsoffenen, verschwörungstheoretischen Inhalten. In den meisten der Gruppen werden außerdem rechtsextreme und antisemitische Inhalte verbreitet und von Mitgliedern aus der Reichsbürgerszene die Existenz der Bundesrepublik Deutschland geleugnet. Bezüge zu rechten Social-Media-Kanälen wie KenFM oder Nachdenkseiten finden sich in allen Gruppen. In einigen der Gruppen, z.B. bei „Oberberg bewegt!“ mit über 100 Mitgliedern, wird zu Gewalt aufgerufen und der Holocaust geleugnet.

Inzwischen gibt es Gruppen, die versuchen den Ruf rechtsextrem oder rechtsoffen zu sein, los zu werden. So wurde in der Gruppe „Wir stehen für Lindlar“ über das Re-Posten von Beiträgen diskutiert und nach der Äußerung eines Mitglieds: „Das sei noch schlimmere Panikmache als das, was Drosten, Wieler und Co. hier täglich veranstalten“ und „auf den Kanälen ist vieles dabei was man aussortieren sollte“, geteilte Beiträge nur noch in einer Untergruppe gespeichert. Der Kommentar: „Keine Sachen mehr teilen, nur noch Wortbeiträge und bitte so formuliert, dass wir nicht angreifbar sind“, macht aber deutlich um was es geht: nicht um eine Distanzierung von rechten Inhalten, sondern darum, sich durch diese Inhalte nicht angreifbar zu machen. Weitere Kommentare der nächsten Tage machen dies noch deutlicher: „Ich habe kein Problem mit Querdenkern und wofür sie einstehen“, und „Ich poste keine Links mehr, obwohl ich sie richtig finde“. Beiträge, die zur Teilnahme an der Verfassungsgebenden Versammlung aufrufen (Projekt der Reichsbürgerbewegung/siehe Anhang), Beiträge zum Great Reset (Verschwörungsideologie/siehe Anhang) und viele Aufrufe zur Wahl der AfD (aber zu keiner einzigen anderen Partei) machen deutlich, wofür die Mitglieder der Gruppe weiterhin stehen.

In Lindlar gab es inzwischen zwei Kundgebungen gegen die Coronapolitik. Bei der ersten waren ca. 100, bei der zweiten etwa 60 Teilnehmer*innen. Auch bei diesen Demonstrationen gibt es keine Distanzierung von rechts. Nicola Steiner (wirbt als Reichsbürgerin ständig für die Teilnahme an der Verfassungsgebenden Versammlung) ist unter den Demonstrant*innen und hält auch einen Redebeitrag. Nicola Steiner ist außerdem in mehreren anderen Telegram-Kanälen aktiv, in denen Verschwörungsideologien und deutlich rechte Positionen vertreten werden und ruft gerne in der Lindlarer Telegram-Gruppe dazu auf, ihr dorthin zu folgen. Ein weiterer Demonstrant ist Eduard „Eddie“ Schneider. Er war zwischen 2018 und Sommer 2020 Aktivist der Identitären Bewegung (IB) und hat an mehreren Aktionen und Demonstrationen der IB teilgenommen. Gleichzeitig hat er sich der AfD zugewendet und hat bereits im Sommer 2017 am Junge Alternative Stammtisch Köln teilgenommen. Bei der Kommunalwahl 2020 wurde er als Hückeswagener Kandidat für die AfD aufgestellt. Unter den Demonstrant*innen war außerdem Karl Orsech, der auf der Gummersbacher Kandidatenliste der AfD auf Platz 5 zu finden ist. Alle drei sind auch Mitglieder der „Wir stehen für Lindlar“-Telegram-Gruppe. Um sich von Rechten zu distanzieren reicht es nicht bei der Demonstration zu rufen: „Wir sind nicht rechts“, was die Lindlarer Demonstrant*innen gerne tun. Wenn man es ernst meinen würde, müssten solche Leute aufgefordert werden, die Demonstration zu verlassen und bei den Telegram-Gruppen gesperrt werden.

Welche Entwicklung nehmen die Gruppen?

Wir befinden uns gerade in einer Situation in der die Coronaleugnergruppen zunehmend unter Druck geraten. Es gibt eine Testpflicht in der Schule, nur mit Test oder Impfung hat man Zugang in bestimmte Läden und Geimpfte erhalten gerade Erleichterungen in vielen Bereichen. Wenn man Tests und Impfungen verweigert, gerät man zunehmend in Konflikte und Auseinandersetzungen und wird zunehmend isoliert. Hinzu kommt die Erfolglosigkeit der bisherigen Strategie. Die Demonstrationen bewirken nichts, wie in einigen Kommentaren zu lesen ist und die Polizei geht zunehmend vehementer bei Verstößen gegen die Coronaschutzauflagen vor. All dies führt zu Frustration und kann zu einem weiteren Rückzug oder zu einer Radikalisierung beitragen.

In den oberbergischen Telegram-Gruppen zeichnen sich verschiedene Entwicklungen ab.

– Hoffnungen auf Erfolge der AFD bei der nächsten Bundestagswahl

Obwohl in den meisten der Oberberger Telegram-Gruppen zur Wahl der AfD bei der Bundestagswahl aufgerufen wird, zeichnet sich hier ein erstes Konfliktpotential ab. Die Reichsbürger, die sich in diesen Gruppen organisiert haben, lehnen Wahlen komplett ab und behaupten sogar, die AfD wurde von Angela Merkel gegründet. So bleibt zu hoffen, dass die Träume der AfD von ihrer Nähe zur Coronaleugnerszene erheblich zu profitieren, platzen werden.

– Rückzug und Ausstieg aus der Gesellschaft durch Gründung eigener Hofprojekte

Andere Mitglieder der Telegram-Gruppen rufen zu einem Ausstieg aus der Gesellschaft auf und möchten einen Familienlandsitz im Oberbergischen gründen. Sie verweisen auf den Familienlandsitz- Kanal bei Telegram, in dem die Anastasia Bücher beworben werden, nach denen die völkischen Siedler ihre Höfe gründen. (Weiterführender Link im Anhang)

– Radikalisierung, weil die bisherigen Aktionen nicht erfolgreich waren.

In mehreren Kommentaren auf verschiedenen Oberberger Telegramkanälen wird dazu aufgerufen, jetzt einen anderen Weg zu gehen. Manche dieser Aufrufe machen deutlich, dass es dabei auch um die Anwendung von Gewalt geht: „Der Krieg muss an mehreren Fronten geführt werden“ (Oberberg bewegt!).

Sprachnachricht in der Gruppe Heiler-Hof: „Wie wäre es, wenn wir unsere Strategie ändern. (…) Dass ihr eure eigenen Truppen bildet, auch die aufgewachten Polizisten, auch die aufgewachten Militärs und endlich mal in die Tat übergehen und dass wir diese Tyrannei endlich mal beenden. (…) Wir müssen als Menschheit diesen Krieg gegen die Tyrannei führen. (…) Wir müssen endlich mal etwas tun, was nicht diesem Schwachsinn entspricht, was wir schon getan haben und wo wir gesehen haben es bringt nichts, sondern etwas Neues tun. (…) Wir müssen handeln. Es wird weh tun, aber besser es tut ein bisschen weh und es knallt richtig, anstatt dass wir das die nächsten Monate, die nächsten Jahre, jeden Tag ertragen müssen“.

Beim Heiler-Hof (https://heiler-hof.de) handelt es sich um einen Hof für sogenannte Seelenheilkunde in Wiehl. Am Beispiel Heiler-Hof zeigt sich sehr gut die Überschneidung von esoterischen Gruppen mit der Coronaleugnerszene. Auf dem Heiler-Hof wurden in den letzten Monaten, in denen eigentlich Kontaktbeschränkungen galten, Versammlungen abgehalten. In der Telegramgruppe des Heiler-Hofs wurde über die tollen Veranstaltungen berichtet, die ohne Masken stattfinden konnten. Am 01.05.21 wurde zu den Begegnungsbacktagen eingeladen. Dies fiel aber dann doch dem Ordnungsamt auf, so dass der Heiler-Hof Besuch von der Polizei bekam. Roger Barthelmess, der sich bei Telegram Roger Capone nennt und der der Initiator der Veranstaltungen ist, gab sich zunächst sehr selbstsicher und prahlte damit, dass er der Polizei erklärt habe, dass sie einen „scheiß Job machen“. Der Polizeieinsatz zeigte aber Wirkung. In der Gruppe wurde darüber gesprochen, dass der Ort „jetzt verbrannt sei“ und ein Verein, der den Heiler-Hof unterstützte, will sich zunächst aus der Zusammenarbeit zurückziehen. Auf dem Telegram-Kanal der Gruppe werden besonders krasse Nachrichten verbreitet: „Merkel, die Deutschland-Hasserin, installiert gerade das, was Hitler an die Macht gebracht hat“. „Die Politikerdarsteller, gekaufte Marionetten von den Globalisten, (…) die die Bevölkerung durch die Impfungen reduzieren wollen von aktuell 83 auf 28 Millionen im Jahre 2025.“ „Es ist ein Kampf zwischen Gut und Böse.“ „Es geht in Richtung Völkermord oder Genozid. Das Nürnberger Tribunal ist seit langem angekündigt, sogar Donald Trump hat diesen Hinweis gegeben.“ Es wird also von einer Neuauflage der Nürnberger Prozesse gegen diejenigen phantasiert, die die „Plandemie“ mitzuverantworten haben.

Pikanterweise hat Roger Barthelmess in der Vergangenheit als med. Fachreferent u.a. für Astra Zeneca gearbeitet und bietet auf seinem LinkedIn Profil seine Dienste an: „Als erfahrener Außendienstler der Medizinbranche, suche ich ein Unternehmen, welches nach der Corona Krise mit mir und vollem Schub startet. Fordern Sie meine Unterlagen an, ich freue mich!“.

Fazit

Wie auch immer die Entwicklung weiter gehen wird, die letzten 14 Monate werden sich nicht zurückdrehen lassen. Seit über einem Jahr bombardieren rechte Strategen mehrere 100 Menschen aus dem Oberbergischen mit Rechtsextremismus, Antisemitismus und Verschwörungsideologien. Wie viele in diesen Gruppen vorher schon ein rechtes Weltbild hatten, wissen wir nicht, sicher ist aber, dass solch eine Masse an rechtsextremer Ideologie nicht spurlos an den Mitgliedern der Gruppen vorbei gegangen sein kann. Vieles wird bewusst oder unbewusst in den Köpfen hängen bleiben. Ein deutliches Zeichen dafür ist, dass es in den ganzen Gruppen, egal wie rechts die Beiträge sind, keinerlei Widerspruch gibt. Ihnen wurden nicht die Augen geöffnet, wie viele Mitglieder der Gruppen behaupten, sondern sie sind Verschwörungsideologien auf den Leim gegangen. Zu hoffen bleibt, dass es zunehmend Widerspruch gegen die rechtsextremen Beiträge in den Gruppen geben wird. Wenn dies ernsthafter passiert als in der Lindlarer Gruppe, könnte dies tatsächlich Wirkung zeigen.

Artikel zur Verfassunggebenden Versammlung:

https://taz.de/Reichsbuerger-auf-Corona-Demos/!5706347/

Artikel zum Great Reset:

https://www.belltower.news/neue-verschwoerungserzaehlung…/

IB in Köln und Eddie Schneider:

https://koeln.noblogs.org/

Infos zum Familienlandsitz Projekt und Anastasia-Bewegung:

https://www.boell.de/…/Naturliebe%20und%20Menschenhass…

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